Tauschhandel Samburu-Style

Im Februar 2004 war ich auf einer zehntägigen Safari in Kenia in der Masai Mara, dem kenianischen Teil der Serengeti, und dem Samburu-Nationalreservat unterwegs. Letzteres hatte ich aufgrund der hohen Leoparden-Dichte ausgewählt, die Safari blieb hier aber leider erfolglos: erst 2018 sollte ich meinen ersten Leoparden im Moremi-Reservat in Botswana sehen und damit meine afrikanischen „Big Five“ komplettieren. Allerdings hatte ich in Samburu ein anderes tolles Erlebnis …

Auf Safari in Samburu

Am 22. Februar 2004 starteten wir eine morgendliche Pirschfahrt, auf der wir Oryxantilopen, Impalas, Elefanten, Zebras sowie ein einsames Braunbauchflughuhn zu Gesicht bekamen. Am späten Vormittag passierten wir den Äquator und nach einer langen Fahrt über eine staubige Piste erreichten wir mittags die Ortschaft Meru am Fluss Kathitia,. Meru befindet sich am Rande des Mount Kenya (5.199 m) National Parks.

In meinen zwei Wochen in Kenia habe ich sowohl in Nairobi als auch in ländlichen Gebieten mehrfach festgestellt, dass Münzen, Kugelschreiber sowie westliche Kleidung, besonders Baseball-Caps, bei den kenianischen Jugendlichen großes Interesse hervorrufen und eine Art Tauschwährung darstellen.

Nach einem kurzen Mittagessen lief ich vor unserer Abfahrt nach Nairobi noch etwas an der Straße entlang, als ich vor einem kleinen Laden von einem jungen Kenianer – wie sich herausstellte, einem jungen Samburu – in gebrochenem Englisch angesprochen wurde.

Das Volk der Samburu

Die Samburu sind ein Volk von Viehzüchtern, das im 16. Jahrhundert aus dem Norden ins heutige Kenia eingewandert ist. Ihre Sprache ist, wie die ihrer nahen Verwandten, den Massai, Maa. Der Name des Volkes soll sich vom Maa-Wort „o-sampurumpuri“, welches Schmetter­ling bedeutet, ableiten. Andere meinen jedoch, dass er vom Wort Samburr abstammt, dem traditionellen Lederbeutel, den die Samburu zum Transport von Fleisch und Honig auf dem Rücken tragen. Das Samburu-Nationalreservat, welches wir gerade besucht hatten, liegt ebenso in ihrem Stammesgebiet.

Ein kurioser Tauschhandel bahnt sich an

Der junge Samburu spricht mich auf das von meiner Schwester selbst gemalte Bandshirt meiner Band „Die Partysahnen“ mit dem „Keine Rockstars“-Logo auf der Vorderseite an, das ich trage. Er fragt, ob ich es ihm nicht schenken könne. Ich bin gleich Feuer und Flamme – schenken nicht, aber ein Tauschhandel wäre okay. Schnell ein anderes T-Shirt als Ersatz für mich aus dem Rucksack geholt und wir werden uns einig:

Wir tauschen das „Die Partysahnen“-T-Shirt, 5 USD und einen Kugelschreiber mit der Aufschrift „Vagisan – die sanfte Vaginalcreme“ gegen einen Samburu-Speer. Mein neu gewon­nener Samburu-Freund ist begeistert und seine Freunde, die auf einer Bank vor dem Laden sitzen, betrachten ihn neidisch.

Kurz vor unserer Abfahrt nach Nairobi drücke ich meinem Samburu-Freund noch schnell eine unserer CDs in die Hand, um den Deal etwas fairer zu gestalten. Begeistert wollen sie ebenso unsere „Die Partysahnen“-Homepage im Internet auschecken. Gleichermaßen begeistert zerlege ich meinen neuen Speer in handliche drei Teile und verstaue ihn in meinem Rucksack.

Heimreise mit Speer

Einige Wochen später wird mein Rucksack beim Check-In für den Heimflug nach Deutschland auf dem Flughafen in Dar Es Salaam durch einen Röntgenscanner gezogen. Die Dame, welche die Röntgenbilder kontrolliert, fragt mich daraufhin in perfektem Englisch: „Wie viele Speere haben Sie denn in ihrem Rucksack?“ Erstaunt antworte ich: „Einen! In drei Teilen“. Woraufhin Sie freundlich nickt und abwinkt: „Okay. Bis zu drei Speere dürfen Sie in ihrem Gepäck mitführen.“ Ach so!! Dann ist ja alles gut.

Jedem Papageitaucher und jedem Schweinswal seine Sandaale

Jährlich wird mehr als ein Drittel des Weltfischereiertrags zu Fischmehl und weiter zu Tier­futter verarbeitet. Die industrielle Fischerei in Nordeuropa zielt dabei in erster Linie auf Arten ab, die nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt sind und damit einen geringen Handelswert haben. Fische, die zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet werden, verwendet man wiederum zur Fütterung in Aquakulturen, aber auch als Futtersupplement in der Schweine-, Lamm und Hühnerzucht.

Während Peru und Chile als weltweit größte Fischmehlproduzenten hauptsächlich Sardinen und Sardellen zu Fischmehl verarbeiten (und damit auch Europa beliefern), machen vor allem Norwegen und Dänemark in den stark überfischten europäischen Gewässern Jagd auf die stetig kleiner werdenden Schwärme der Sandaale (Familie Ammodytidae). Seit 1998 wird der Fang der Sandaale in Europa jedoch, zumindest ansatzweise, durch Quoten reglementiert.

Sind die Sandaale erst einmal im Schleppnetz, werden sie unter anderem im dänischen Esbjerg zu Fischmehl verarbeitet, welches die Grundlage der Herstellung von Pelletfutter für die Lachs-, Forellen- und generell Teichwirtschaft ist. In Dänemark hat sich für kommerziell minderwertige Fische wie den Sandaal, die für sich schon einen großen Anteil des üblichen, in Europa ungenutzt über Bord geworfenen Beifangs darstellen, der unschöne Name des „Gammelfisk“ eingebürgert.

Die geringe Wertschätzung des Sandaals durch den Menschen steht aber in starkem Kontrast zu der großen Bedeutung, die ihm in der Nahrungskette des Ökosystems Meer zukommt. Nicht nur den vielen Raubfischen wie Meerforelle, Kabeljau und Wittling, sondern auch den Schweinswalen in Nord- und Ostsee, dienen die Schwärme der kleinen Sandaale als wichtige Nahrungsquelle. Zur Brutzeit der Seevögel decken bestimmte Vögel, wie die Dreizehenmöwe und der Papageitaucher, ihren Nahrungsbedarf ebenfalls zu großen Teilen durch diesen kleinen Schwarmfisch.

Aufgrund der Klimaerwärmung hat sich die Nordsee in den letzten 45 Jahren doppelt so schnell erwärmt wie die Ozeane. Die Temperatur der Nordsee stieg um mehr als 1,67° C, die der Ozeane im Mittel nur um 0,74° C. Das hat nicht nur vor der schottisch­en Küste, sondern auch im Ärmelkanal und vor der französischen und nordenglisch­en Küste dazu geführt, dass die Zahl der Sandaale durch Abwanderung drastisch zurück­gegangen ist.

Der Raubbau des Menschen an dem kleinen – für seinen Speiseplan eigentlich relativ unwich­tigen – Fisch (denn selbst für die Lämmerzucht ist Fischmehl nicht notwendig und die Idee, aus wild gefangenem Fisch im Verhältnis 4 zu 1 Fischfutter für Zuchtfische herzu­stellen, entbehrt jeglicher nachhaltigen, ressourcenbewussten Logik) gefährdet zudem nicht nur den Sandaal, sondern auch viele seiner Räuber, z. B. Möwen, Alkenvögel oder Wale.

Der klimatische und durch die übermäßige Fischerei bedingte Rückgang der Sandaale in Nord- und Ostsee hat zur Folge, dass die in der Region beheimateten Schweinswale häufig verhungern. Bei diesen kleinen Delfinen (1,5 – 2 m, 55 – 65 kg) kommt es auf jeden Millimeter Speckschicht an, damit sie als Säugetiere in den kalten europäischen Wintern nicht unterkühlen. In der eisigen Nordsee sind sie besonders im Frühjahr (vor der Geburt ihrer Jungen) auf die Nah­rungsaufnahme fettreicher Fische, wie Sandaal und Kabel­jau, angewiesen. Beide sind jedoch nicht mehr wirklich auf der Speisekarte des Meeres zu finden.

Britische und schottische Forscher (McLeod et al. 2006) haben festgestellt, dass die Schweinswale in der Nordsee im Gegensatz zu ihren Artgenossen der Ostsee, die sich hauptsächlich vom akut vom Aussterben bedrohten Kabeljau ernähren, sehr unflexibel auf die Knappheit ihrer gewohnten Beute (Sandaale machen immerhin 19 % ihrer Nahrung aus) rea­gieren und nicht auf andere Fischarten umsteigen. Dieses Defizit an fettreicher Nahrung kann auch die aus den wärmeren Gefilden des Mittelmeers in die sich stetig erwärmende Nordsee eingewanderte nährstoffarme, mit den Seepferdchen verwandte, Fischart „Große Schlangennadel“ (Entelurus aequoreus) nicht kompensieren. Diese dringt in der Meeresarten­hierarchie seit 2001 verstärkt in die Nische der stetig seltener werdenden Sandaale vor und vereinnahmt zunehmend das entsprechende Trophieniveau.

Der durch Klimaerwärmung und Überfisch­ung bedingte massive Rückgang der Sandaale und die zunehmende Einnischung der Großen Schlangennadel in den nordischen Gewässern stellt für viele Seevögel – und hier besonders den Papageitaucher, aber auch die Dreizehnmöwe und den Eissturmvogel – ein existenzbedrohendes Problem dar.

Das fast exklusive Interesse des Lundis (Isländisch für Papageitaucher) an Sandaalen als Nahrung für ihre Jungtiere ist den Alkenvögeln, die die meiste Zeit des Jahres auf den Weltmeeren verbringen und nur zum Brüten an Land kommen, seit geraumer Zeit zum Verhängnis geworden.

Wie Katz (2004) in seiner Studie nachweist müssen die jungen Papageitaucher anstelle der nahrhaften Sandaale zunehmend mit der energieärmeren Großen Schlangenadel gefüttert werden. Das wirkliche Drama und die damit verbundene Tragik spielen sich in diesem Fall aber nicht wie bei den Schweinswalen auf dem offenen Meer ab, sondern versteckt in den Bruthöhlen der Vögel an Europas Küsten. Die bis zu 40 cm langen Großen Schlangennadeln können die Jungvögel im Gegensatz zu den nur bis zu 15 cm langen Sandaale nicht hinunterwürgen, was zur Folge hat, dass viele Küken in ihren Höhlen verhungern, während ihre Eltern verzweifelt versuchen, sie mit Großen Schlangennadeln zu füttern. In Folge dieser Entwicklung hat es in den letzten Jahren auf Island besonders auf den Westmännerinseln, die fast 50 % des weltweiten Bestands an Papageitauchern beherbergen, kaum flügge Exemplare gegeben – und auch in anderen europäischen Brutgebieten sind die Populationen rückläufig. 

Nachdem der Papageitaucher vom IUCN jahrelang als Least Concern (nicht gefährdet) geführt worden war, wurde er 2015 aufgrund der gebietsweise stark schrumpfenden Populationen gleich um zwei Schritte auf Vulnerable (gefährdet) hochgestuft.

Thurid/Opitz/Froese (2019) formulierten auf der Basis einer Studie für das renommierte Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar in Kiel jüngst die Forderung, dass dringend zusätzliche wissenschaftliche Studien durchgeführt werden müssen, um zu untersuchen in welchen Umfang ein Zusammenhang zwischen der intensiven Sandaalfischerei und den rückläufigen Tendenzen sowohl der Schweinswalpopulation als auch bestimmter Seevogelpopulationen in den deutschen Meeresgebieten der Nordsee besteht.

Fakt ist, dass übermäßiger industrieller Fischfang und absurde Verwertung-stechniken (Zuchtfisch frisst Wildfisch) nicht nur dazu beitragen, dass die überfischten europäischen Gewässer noch artenärmer werden als sie es ohnehin schon sind, sondern auch dazu, dass auch Vogelarten wie Islands Wappenvogel, der Papageitaucher, immer mehr in die Defensive geraten.

Der unbedachte und fehlinterpretierende Darwinist wird denken: „Sollen Schweinswale und Papageitaucher doch lernen, andere Fische zu fressen … oder eben aussterben“. Der nachhaltig-ökologisch denkende Mensch, der versucht, sein Leben in Richtung eines schonenden und nachhaltigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen auszurichten, sollte hingegen maximal zweimal im Monat Meeresfisch aus nachhaltigem Fischfang essen (denn mehr geben unsere Weltmeere ohne eine neue, nachhaltige und ressourcenschonende Fischereipolitik beim besten Willen nicht her).

Auf keinen Fall sollte er aber Zuchtfisch aus Aquakulturen essen, der mit Produkten aus Wildfisch gemästet wurde. Man sollte sich in dieser Hinsicht ein Vorbild am Karpfen nehmen, der ein vornehmlich vegetarisch lebender Fisch ist und als Nahrung keine Futterpellets aus Meeresfisch anrührt.

Schlussendlich sollte man auf einer Island-Reise auf keinen Fall dem Reiz des Exotischen erliegen und einen Salat mit geräucherter Papageitaucher-brust, geschweige denn Zwergwalfleisch-Spieße à la „Moby Dick on a stick“ probieren. Sandaale gehören aufgrund ihrer wichtigen ökologischen Funktion in den Weltmeeren geschützt und der eindeutig kommerziell ausgerichtete isländische Walfang verstößt eklatant gegen das 1986 verabschiedete Moratorium der Internationalen Walfangkomission (IWC), das die kommerzielle Jagd von Walen international verbietet.

In diesem Sinne: Jedem Lundi und jedem Schweinswal seine Sandaale!

Colin D. McLeod et al. (2007): Linking sandeel consumption and the likelihood of starvation in harbour porpoises in the Scottish North Sea. Could climate change mean more starving porpoises?, in: Biology Letters (2007) 3, pp. 185-188.

Cheryl Katz (2014) for Environmental Health News (August 28, 2014): Iceland’s Seabird Colonies Are Vanishing, With “Massive” Chick Deaths. Climate and ocean changes blamed for huge losses of puffins, kittiwakes, and terns.

Thurid, Otto/Opitz, Silvia/Froese, Rainer (2019): Wie wirkt sich die Sandaalfischerei auf das marine Ökosystem in der südlichen Nordsee und das Erreichen der Schutzziele in den Naturschutzgebieten in der deutschen AWZ der Nordsee aus?, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar, Kiel.

Eine Hommage an den Karpfen (Cyprinus carpio)*

Superbass, Arapaima-full, CC BY-SA 3.0
Superbass, Arapaima-full, CC BY-SA 3.0
Superbass, Arapaima-full, CC BY-SA 3.0

Der Botaniker Prof. Dr. Reinhold von Sengbusch (*16.02.1898 in Riga; † 13.06.1985 in Hamburg) war Direktor des Max Planck Institutes für Kulturpflanzenzüchtung in Hamburg-Volksdorf und einer der wichtigsten Zuchtpflanzenforscher der 20. Jhr.

Von den 1920er Jahren bis in die 1980er Jahre hinein publizierte er zusammen mit seinen Kollegen <300 wissenschaftliche Artikel, sein Institut insgesamt <600 Artikel zur modernen Pflanzenzucht.

In den 1930er Jahren prüfte er nicht weniger als 1.5 Mio. Lupinenpflanzen, um eine Mutante zu fin­den, die arm an Bitterstoffen war und sich so als Viehfutter eignete. Durch seine Beharr­lichkeit fand er sie schließlich auch. Sie machte ihn berühmt und reich. Auch die Gartenerdbeersorte Senga Sengana geht auf Von Sengbuschs Züch­tungen der 1950er Jahre zurück. Im kommerziellen Anbau war sie in den 1960er und 1970er Jahren eine der am meisten angebauten Sorten in Europa. Heute wird sie meist für den Hausgarten oder für Selbstpflücker verwendet.

Was den stoischen Pflanzenzüchter aber zum Wahnsinn trieb, war die leidige Grätensuche beim Fischessen. In seinem Forschertrieb angespornt machte er sich in den 1960er Jahren auf die Suche nach einem (fast) grätenfreien Fisch. 1963 war er zu der Einsicht gekommen, dass die Gräten bei vie­len Süßwasserfischen, besonders dem Karpfen (Cyprinus carpio), das primäre Hindernis für ihren kom­merziellen Erfolg seien. Also je weniger Gräten ein Fisch hätte, desto erfolgreicher müssten auch seine wirt­schaft­lichen Vermarktungschancen sein.

Von Sengbusch stellte ein paar Aquarien in einem Gewächshaus auf und begann dem Karpfen und dessen leidigen Zwischenmuskelgräten, die den Konsum dieses äußerst schmackhaften Fisches zu einer wahren Bußübung auch außerhalb der Fastenzeit machen, züchterisch zu Leibe zu rücken.

Seine kulinarische Erfahrungen sagte ihm, dass es in der Natur zahlreiche Fischarten gibt, die den Menschen beim Fischkonsum nicht mit quer zu den normal liegenden Gräten quälten. Diese waren aus seiner Sicht also für die Stabilisierung des Fischkörpers nicht unbedingt notwendig und genau wie bei seinen Lupinen musste sich in der Natur doch auch eine Ausnahme unter den Karpfen finden lassen, wenn man nur ausgiebig genug nach dieser lukrativen Mutante suchte.

Wenn man invasiv bei dieser Suche vorgehen würde hätte man das Problem, dass sich die aufge­schnit­tenen Fische anschließend nicht mehr zur Zucht verwenden lassen würden. Von Sengbusch musste also einen anderen Weg finden. Zusammen mit dem Biologen Christoph Meske entwickelte er daher eine Art Röntgenfernsehgerät. Also im Endeffekt nichts anderes als einen Vorläufer eines modernen Nackt­­scanners mit dessen Hilfe man die Karpfen bis zu ihren Gräten durchleuchten konnte. 13.000 Karpfen wurden betäubt und erfolglos auf fehlende Zwischenmuskelgräten durchleuchtet. Der Folgeversuch eines mobilen Röntgengeräts, um die Fische direkt am Teich untersuchen zu können, scheiterte am Widerstand der Züchter, die Angst vor verstrahlten Fischen hatten.

Von Sengbusch war aber auch klar, dass er, wenn er denn fündig werden würde, auch ein Aqua­kultursystem entwickeln musste, mit dem er die Aufzucht seiner Zwischenmuskelgrätenfreien Karpf­ens vom Ei bis zum geschlechtsreifen Fisch kontrollieren konnte.

Als Pflanzenforscher gingen Meske und von Sengbusch glücklicherweise vollkommen unbedarft und unbelastet an die Entwicklung eines geschlossenen Wasserkreislaufs in ihren Zuchtbecken heran. Dem vorherrschenden Raumfaktor-Dog­ma der konventionellen Fischzüchter, die glaubten, dass Fische in kleinen Becken über eine gewisse Größe nicht hinauswachsen können, schenkten sie keine Beachtung und konzentrierten sich vielmehr darauf, dass das Wasser in den Zuchtbecken fortlaufend gereinigt und ausgetauscht wurde. Der Was­sertausch (so weiß man heute) macht den Unterschied. Plötzlich wuchsen die Fische in ihren kleinen Becken, ungehemmt vom schmutzigen Wasser, über die natür­lichen Zuchtmaße hinaus. Sie passten zudem die Wassertemperatur in den Zuchtbecken auf tropische 20°C an und schufen dem aus sub­tropischen Gefilden stammenden Karpfen im Gegensatz zu den kühleren Zuchtteichen ein ganz­jähriges optimales Wachstumsklima. Im sauberen, gefilterten und temperierten Wasser der Zucht­becken legten die Karpfen nicht nur 50 Gramm pro Jungtier und Jahr sondern <1,5 kg pro Jahr zu. Aus Erfahrungen mit temperierten Zuchtteichen in Japan gingen die beiden Forscher sogar dazu über die Fische im Kühlwasser von Kraftwerken aufzuziehen.

Zum Erstaunen höhnischer Fischzuchtexperten war es den beiden fachfremden Forschern zwar nicht gelungen einen von Zwischenmuskelgräten freien Karpfen zu züchten, sie hatten aber Pionierarbeit im Bereich der Aquakulturen mit geschlossen Wasserkreisläufen und der Warmwasser-Intensivhaltung von Zuchtfischen geleistet.

Der Fluch der Zwischenmuskelgräten und der Wunsch nach einem grätenfreien Fischgericht ließ von Sengbusch aber auch nach seiner Emeritierung 1968 nicht los.

Nach zähen Verhandlungen mit den Zollbehörden gelang es ihm 1973 den im Amazonas heimischen Beuteschnapper Arapaima gigas, der in Brasilien Pirarucu/Paiche genannt wird nach Deutschland zu importieren. Der <2,5 m lang und <200 kg schwer werdende größte im Süßwasser lebende Raubfisch der Welt ist er ein ausgesprochen schmackhafter und von Zwischenmuskelgräten komplett freier Speisefisch.

Erste Zuchterfolge schienen von Segen­buschs Wahl zu bestätigen. Im Frühjahr 1974 schwärmte er in einem Fachmagazin, dass die Zuwachs­raten seines Amazonas Fisches alles übertrafen, was bislang von Süßwasserfischen in temperierter In­tensiv­haltung bekannt war, allerdings kamen seine nord­deutschen Zuchtfische bei weitem nicht an die Wuchsleistungen der Fische in freier Natur heran.

Trotz des unschätzbaren kulinarischen Wertes der Arapaima-Steaks setzte der neue Zuchtfisch nie zum Siegeszug in die Kühlregale an. Den Züchtern gelang es im Gegensatz zum handzahmen Karpfen nie den Räuber Amazoniens wirklich zu bändigen. Alle Zuchttiere starben aus unerfindlichen Grün­den bevor sie sich fortpflanzen konnten. In freier Natur beanspruchen Pirarucu-Paare ein Territorium von <500 m², das sich auch durch Zucht nicht wirklich verkleinern lässt. Statt sich der nicht artgerechten Haltung in den Zuchtbecken zu beugen sprangen viele von ihnen trotz der Schutznetze anscheinend lieber in den Tod und aus dem Becken heraus. Der letzte Paiche aus von Sengbuschs Zucht zog 1985 nach dessen Tod in das Berliner Aquarium um, wo er 1995 starb. Zwei daraufhin neu angeschaffte Arapaima gigas haben sich bis zum heutigen Tage nicht vermehrt.

Aufgrund fehlender Bestandszahlen wird der Arapaima gigas bisher noch nicht in der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) geführt. Die Art ist jedoch wegen ihrer zurückgehenden Bestände im Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES in Anhang II gelistet, wodurch der internationale Handel reguliert wird. Damit dürfte der Arapaima gigas auch als zukünftiger Speisezuchtfisch ausscheiden. Neben der Überfischung ist der großflächige Eintrag von Pestiziden, Quecksilber, Öl und anderen Schadstoffen in die Gewässer des Amazonasgebietes das größte Problem für die Art.

Was bleibt ist der Karpfen (Cyprinus carpio) als ein nach wie vor hervorragender, was sein Habitat und sein Fress­verhal­ten angeht, äußerst anspruchsloser und einfach zu haltender Zuchtfisch, der aber auch weiterhin den Gaumen des Mitteleuropäers mit seinen Zwischenmuskelgräten quälen wird.

Sein Ruf als fettiger Fisch, sowie sein selbst unter Gourmets umstrittener Geschmack (von schlammig bis nussig) und seine variable Konsistenz (beides hängst sehr stark von den Haltungsbedingungen und der verwendeten Zufütterung ab) wird aber wahrscheinlich zudem dazu beitragen, dass der Karpfen, ab­gesehen von seiner Verwendung als mancherorts beliebter Weihnachts- und Silvesterfisch, in näher­er Zukunft nicht zum beliebtesten Speise- und Zuchtfisch Deutschlands wird. Daran dürften wohl auch bislang nur mäßig erfolgreiche Vermarktungsformen wie Karpfen-Fisch­stäb­chen, nichts ändern.

Eigentlich ist es aber auch ganz gut so, dass der Karpfen Zwischenmuskelgräten besitzt. Vielleicht bewahrt diese Erfindung der Natur ihn vor dem, was fast allen seinen wohlschmeckenden und leicht zu filetierenden Kollegen in der Fischwelt, die nicht über diese, den Menschen abschreckenden  Mechanismen verfügen, anheim fällt: Eine existenzbedrohende Überfischung und Ausbeutung.

Im Sinne der Erholung der Fischbestände der Weltenmeere sollte man althergebrachte Vorurteile gegen den Karpfen beiseite räumen und hin und wieder einmal in den Monaten September bis April (denn Karpfen isst man wie Muscheln nur in den Monaten mit einem „r“) zu einem guten deutschen Zuchtkarpfen aus einer Bio-Aquakultur in der Nähe greifen. Diesen sollte man im besten Fall lebendig kaufen, in der heimischen Badewanne noch einmal auswässern, damit er seinen schlam­mig-erdigen Beigeschmack verliert (was bei Zucht-Karpfen aus geschlossenen Kreisläufen nicht notwendig ist) und sich mit einem old-school Fischbesteck der Gaumen­freude eines phantas­tisch­en Zuchtfisches hingeben. Das Beste dabei, man kann sich so ohne Probleme von zweifelhaften und ökologisch problematischen exotischen Trend-Zuchtfischen wie dem Pangasius und schlimmer noch, Antibiotika verseuchten Zuchtgarnelen fernhalten. In diesem Sinne: Eine Hommage an den Karpfen.

*Große Teile dieses Artikels basieren auf dem Artikel „Wie ein Erdbeerzüchter auf den Fisch kam“, der am 21.02.2010 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf Seite 58 veröffentlicht wurde.